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Die Farbe
Obwohl das Kind vom ersten Lebenstag an mit Farben konfrontiert wird, tritt die erste wirkliche Begegnung mit der Farbe beim ersten Malen ein. Zunächst sind die Farben gar nicht so wichtig, wichtig ist nur, dass das Kind damit etwas darstellen kann. Erst allmählich wird es sich der Farben selbst bewußt. Manchen Kindern passiert es, dass sie beim Bewußtmachen der Farben in einen Farbschock verfallen und wieder in die Zeit der Kreise, Ovale und Kastenformen eintreten, obwohl sie schon eine Reihe von Gegenstandszeichen beherrschen.
Farbe ist für das Kind Leben. Daher zeigt es einen unbändigen Drang dazu, alles anzumalen, es schafft ihm Befriedigung. Die eigenen Darstellungen werden zunächst nicht ausgemalt, der graphische Prozeß ist schon Betätigung genug. Aber vorgefertigte Linienführungen wie Malbücher regen das Kind zum Ausfüllen der leeren Flächen an. Ornamental gehört das Ausmalen zur Streuung. Es darf aber nicht zur Mechanik werden, daher sollten Kinder ab dem Beginn des 6. Lj keine Malbücher mehr bekommen, denn nun gehört das Kolorieren zur Kinderzeichnung dazu. Die Ausdauer wird größer, und das Kind konzentriert sich auf ein einziges Bild.
Die Farbe gelangt erst allmählich in den Besitz des Kindes. Deshalb sollte es ab und zu mit großen Pinseln und Wasserfarben großflächig experimentieren. Die Farbe sollte aber nicht durch zu häufigen Gebrauch zur Gewohnheit werden, weil sonst das Kind anfängt zu schmieren.
Gelb und Rot berühren das Kind meist am stärksten. Später kommen Blau, Grün, Gold und Silber hinzu. Die Farben werden im Vorschulalter noch nicht realistisch verwendet, sondern willkürlich, je nach der Intensität des Eindrucks auf das Kind.
Spielerisches Klecksen gibt es nicht nur in der ersten Zeit des Malens. Auch Kinder, die bereits gegenständlich zeichnen, werden durch die Farben dazu angeregt. Beim Klecksen sieht das Kind nur die Farbe an sich, ein ganz neues Erlebnis. Es ist für das Kind schwer zu verkraften und gelingt oft erst im 6. Lebensjahr.
Farben können ein Mittel zum Abreagieren seelischer Erlebnisse und Bedrängnisse sein. Wie stark Farben mit dem Seelenleben verbunden sind, erkennt man am Farbenschock. Viel Erwachsene haben eine starke Abneigung gegen eine bestimmte Farbe, die meist auf negative Kindheitserlebnisse zurückgeht. Eine solche Farbabneigung tritt nur bei sensiblen Kindern auf und kann, wenn sie früh genug erkannt wird, durch haptische Erlebnisse mit Fingerfarbe im gleichen Ton ausgemerzt werden.
Am häufigsten ist der Rotschock, hervorgerufen durch Blut, aber auch Schwarz-, Blau- oder Grünschock, hervorgerufen durch Tinten- oder Grasflecken mit darauffolgender schwerer Bestrafung.
Wie wichtig Farbe und das Zeichnen überhaupt ist, kann man daran sehen, dass man beides zur Therapie einsetzt, z.B. bei verhaltensgestörten Kindern, in der Suchttherapie, bei geistig und körperlich behinderten Menschen.
ErzieherInnen und Kinderzeichnungen
Die Beurteilung der Kinderzeichnungen ist nicht ganz einfach. Um so wichtiger ist es, einen Einblick in die Materie zu gewinnen. Erwachsene sind oft der Ansicht, dass eine Zeichnung keinen Wert hat, weil das Kind das Dargestellte nicht benennen kann. Aber Wolfgang Grözinger sagt dazu: „ Dabei ist das Nachplappern von Wörtern sicher keine größere Anstrengung als die Entdeckung eines neuen Raumzeichens durch das Kind.“ Der Erwachsene will immer loben und benennen, deshalb engt er durch Benennungen die Entdeckungen des Kindes ein.
In den ersten vier Schulklassen wird das Kind oft vor Aufgaben gestellt, denen sein Inneres noch nicht gewachsen ist. Es versucht dann, sich mit irgendwelchen Schemen aus der Affäre zu ziehen, die weder für es selbst noch für den Lehrer befriedigend sind. Mit dem Hinweis „ Sieh doch genau hin!“ oder „ Sieht das wirklich so aus?“ kritisieren die Erwachsenen das Kind, obwohl sie merken, dass etwas nicht stimmt.
Greift der Erwachsene nicht ein, sieht er mit der Zeit, wie sich die Zeichnungen immer mehr gliedern und der Wirklichkeit entsprechen.
Im ersten bis dritten Schuljahr sollen die Kinder sich einfach entfalten und ihre Erlebnisse darstellen. Von der 4. Klasse an zeichnet sich die seelische Verfassung des Kindes deutlicher ab. Es kann genauer und realistischer darstellen.
Das Ziel der Kunsterziehung sollte nicht der Erwerb technischer Fähigkeiten sein, sondern die musische Erschließung des Jugendlichen. Nicht die Leistung sollte im Vordergrund stehen, sondern das Erleben des Schaffens, Lob und Anerkennung, um die Kräfte des Kindes zu wecken.
Goldene Gebote für Eltern von malenden Kindern
Zum Verhalten von Eltern malenden Kindern gegenüber hat der Entwicklungspsychologe Wolfgang Grözinger folgende Gebote aufgestellt:
- Halte dein Kind nicht für einen Rembrandt oder Picasso, sondern für ein – Kind.
- Wenn dein Kind Tisch und Wände bekritzelt, schilt es nicht, sondern fasse dich selbst bei der Nase. Es tut es nur, weil du ihm kein Papier gegeben hast.
- Frage nicht gleich: „ Was ist das?“, wenn dein Kind dir etwas Gekritzeltes oder Gekleckstes zeigt, aus dem du nicht klug wirst.
- Mach dem Kind nichts vor. Stoße es nicht mit der Nase auf die Natur.
- Sorge für Abwechslung in Technik und Material.
- Verzweifle nicht, wenn dein Kind scheinbar Rückschritte macht. Jeder Fortschritt beginnt mit einer Krise.
- Freue dich an Fortschritten, auch wenn sie von dem wegführen, was dir gefällt.
- Sei kein Hypochonder. Kinder vertragen den unvermeidlichen Kitsch der Erwachsenen besser als diese.
- Lerne warten.
- Mache dich auf alles gefasst
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