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Schönes und Tröstliches aus dem Schatz der Verhaltensforschung
Die Geburt war stark und intensiv. Das Neugeborene liegt auf dem Bauch der Mutter. Es ist Zeit und die Nabelschnur kann auspulsieren. Gleich nach dem Abnabeln legt die glückliche Mutter ihr Baby an die Brust. Und es saugt! Beide genießen den innigen Kontakt. Irgendwann danach öffnet das Kind die Augen und sucht den Augenkontakt zu seiner Mutter.
In diesem Augenblick begegnet die Mutter ihrem Kind. Das ist Bonding.
Begünstigt durch das körperliche - entwicklungsgeschichtlich uralte - "Notprogramm", das während der Geburt in Kraft ist. Glückshormone, die nach der Geburt den Körper überschwemmen, machen die Mutter besonders aufnahmebereit für das neue Wesen. Auf diese Weise entsteht die ganz persönliche unverwechselbare Beziehung zwischen beiden.
Eine Geburt im Jahr 1936.
Die Hebamme möchte abnabeln. Deshalb legt sie das Neugeborene auf den Bauch der Mutter. Da liegt es nun und niemand stört es. Nach und nach arbeitet es sich zur Brust hoch, findet die Brustwarze und beginnt zu saugen (Nach einer persönlichen Mitteilung von Soveig Albrecht Wahl).
Die Hebamme legt des Neugeborene auf den Bauch der Mutter und lässt es dort.
Mehr muss sie nicht tun. Auch die Mutter nicht. Niemand muss wissen, was dann passiert. Es geschieht einfach.
Jedes Baby hat eine angeborene Erwartung:
Die Mutter mit ihrer Brust, die zuerst Kolostrum, dann reife Milch produziert. Es hat auch die angeborenen Fähigkeiten um zu erreichen, was es erwartet
Hat das kleine Neugeborene die Möglichkeit, die Zeit und die Ruhe, seine angeborenen Instinkte zur Entfaltung zu bringen, dann geschieht Erstaunliches: Es beherrscht die komplizierte Koordination von Saugen und Schlucken dauerhaft von Anfang an! Es gibt keine Stillprobleme(Righard, Alade 1990, Widström 1999).
Und außerdem stimuliert es mit der Sicherheit und der Selbstverständlichkeit, mit der es nimmt, was es braucht, auch die mütterlichen Fähigkeiten. Auf einmal spürt auch die Mutter, was der nächste Schritt ist, den sie tun muss.
Eine weitere Geburt
war lang, schmerzhaft und bedrohlich. Und am Schluss musste dann doch noch ein Kaiserschnitt gemacht werden. Als die Mutter wach wird, ist sie froh, dass endlich alles vorbei ist. Jede Faser ihres Körpers ist erschöpft. Sie fühlt sich unendlich müde. Nun bringt die Hebamme das Neugeborene. Als sie sich bewegt, um es in Empfang zu nehmen, fährt ihr der Schmerz wie ein Messer in den Körper. Da ist auf einmal so viel Fremdes, das ihr Angst macht. Unbekannte Gefühle im eigenen Körper. Eine ungewohnte Umgebung. Das Kind, von dem sie nicht weiß, was sie jetzt mit ihm soll. Sie spürt das Bedürfnis, sich von all dem abzuwenden.
Das ist eine instinktive Reaktion. Unbekanntes macht unsicher. Man kann es nicht einschätzen, weil man keinerlei Erfahrung hat, damit umzugehen. Wenn in einer Situation alles unsicher ist: Man kann sicher sein, dass die instinktive erste Reaktion eine wichtige Orientierungshilfe ist. Denn darin sind Erfahrungen enthalten, die sich über Jahrmillionen bewährt haben. Das heißt nicht, dass man das Baby gleich aus dem Raum bringen sollte. Es ist gut, für die Mutter genau die Distanz zu finden, die für sie stimmt. Ohne Anspruch an sie, gleich aktiv zu werden. Und mit der Möglichkeit, das Neugeborene zu sehen und zu beobachten. Für jede Mutter ist es wichtig, selbst zu erleben, dass es ihrem Baby gut geht.
Der anwesende Vater spürt, was los ist.
Er nimmt das Neugeborene in seine Arme, spricht mit ihm, bleibt in der Nähe seiner Frau. Das erste Bonding findet so zwischen Vater und Kind statt. Die Mutter fühlt sich entlastet. Ihr Baby ist sicher und zufrieden! Sie hat nun Zeit, ihre körperlichen Empfindungen einzuordnen. Sie nimmt wahr, welche Bedürfnisse sie selber hat. Spürt, was sie selbst braucht, um sich wohler zu fühlen.
Zeit und Ruhe ist die Voraussetzung dafür, dass angeborene Kompetenzen zur Entfaltung kommen können.
Nach einer Geburt, die nicht so gut war, brauchen Mutter und Baby mehr davon.
So entwickelt sich Vertrauen in ein System, das sich selbst steuern kann. Das heißt, Mutter und Kind entdecken, dass sie selbst wissen, was sie brauchen. Sie knüpfen an uraltes Erfahrungswissen an, das in ihrem Körper gespeichert ist.
Und auf einmal wird alles andere unwichtig: die Mutter kann ihrem Kind nun in die Augen sehen, sie erkennt es als eigenständiges Wesen und spürt, dass auch sie von ihm erkannt wird (nach einem persönlichen Bericht der betroffenen Mutter).
Referenzen:
* Eibel-Eibesfeldt, Irenäus:
Die Biologie menschlichen Verhaltens, Grundriß der Humanethologie, Piper, München Zürich, 3. Erweiterte Auflage 1995
* Schiefenhövel W. u.a.:
Gebären-Ethnomedizinsche Perspektiven und neue Wege, Curare Sonderband, Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1995
* Schleidt, Margret:
Hier bin ich - wo bist Du? Die Beziehung zwischen Mutter und Kind, in: Schiefenhövel u.a.: Im Spiegel der Anderen, Aus dem Lebenswerk des Verhaltensforschers Irenäus Eibel-Eibesfeldt, Ausstellungskatalog, Realis, München 1993
* Righard, Lennart; Alade, Margaret O.:
Effect of delivery room routines on success of first breast-feed, The Lancet 1990
* Widström, Ann-Marie:
The Baby`s Choice, Vortrag in Innsbruck 1999
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