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Dr. Verena Bürkle Kinderzahnärztin und Präsidentin der Österr. Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (ÖGK)
über Gesunde Kinderzähne:
Zahngesundheit beginnt beim ersten Milchzahn
Wien, 12.11.2008 - Rund 50% aller 6-jährigen in Österreich haben kariöse Zähne. Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation WHO - 80% kariesfreie Sechsjährige bis 2020 - ist damit noch in weiter Ferne. Obwohl Österreichs Eltern die Zahngesundheit ihrer Kinder in einer aktuellen Umfrage als sehr wichtig einstufen, gibt es noch immer große Wissensdefizite. Die konsequente Zahnpflege ab dem ersten Milchzahn ist jedoch entscheidend für gesunde, schöne Zähne bis ins Erwachsenenalter. Wenn man bei der Kinderzahnpflege ein paar Regeln beachtet, ist Karies heute zu fast 100% vermeidbar.
Weitgehend unbekannt: Karies ist eine Infektionskrankheit
Immer noch wissen viele Eltern nicht, dass Karies im Sinne einer Infektion übertragen werden kann und damit ansteckend ist. In 80% der Fälle werden Kinder in den ersten eineinhalb Lebensjahren von ihren Müttern mit Karies angesteckt. Die schützende Mundflora ist in dieser Zeit noch nicht ausgebildet und Karies kann über den Speichel auf das Kind übertragen werden. Wichtig ist daher, Übertragungswege wie das Abschlecken von Schnullern oder Essbesteck oder das gemeinsame Benützen einer Zahnbürste unbedingt zu vermeiden.
Ein weit verbreiteter Irrtum: „Milchzähne fallen ohnehin aus"
Einer der größten Irrtümer rund um die Kinderzahnpflege lautet, dass Milchzähne ohnehin ausfallen und daher nicht wichtig sind. Immer noch ist rund einem Sechstel der Eltern nicht bewusst, dass der Zustand der Milchzähne die späteren, bleibenden Zähne beeinflusst.[1] Tatsache ist jedoch: Milchzähne sind Platzhalter für die bleibenden Zähne. Gehen Sie frühzeitig verloren, drohen Zahnfehlstellungen. Außerdem stecken kariöse Milchzähne im Laufe der Zeit auch die neuen Zähne an. Besonders die mit sechs Jahren bereits durchbrechenden ersten bleibenden Backenzähne werden meist rasch infiziert.
Jeder vierte Elternteil hält Behandlung kariöser Milchzähne für nicht notwendig
Obwohl das Thema „Kinderzahngesundheit" von Österreichs Eltern auf Nachfrage überwiegend als „sehr wichtig (93%)" und „wichtig" (7%) eingestuft wird, gibt es große Wissensdefizite in Bezug auf die Zahnpflege bei Kindern. So hält etwa jeder vierte Elternteil (24%) eine Behandlung kariöser Milchzähne für nicht notwendig.[2] Eine Erhebung der Koordinationsstelle-Zahnstatus des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen (ÖBIG) zeigte 2006, dass bei Sechsjährigen im Durchschnitt jeder zweite von Karies betroffene Zahn nicht ärztlich behandelt ist. Fast jedes dritte sechsjährige Kind (32%) war von diesen unbefriedigenden Sanierungsergebnissen betroffen.[3] Hinsichtlich der Sanierung kariöser Milchzähne besteht ohne Zweifel ein großes Defizit. Karies an Milchzähnen tut übrigens genau so weh wie an bleibenden Zähnen!
Nur wenige Eltern wissen: Kinder können erst ab dem zehnten Geburtstag selbstständig Zähneputzen
Mehr als die Hälfte (56%) der Eltern weiß nicht, dass ein Kind erst ab ca. zehn Jahren selbstständig Zähne putzen kann und dass bis dahin ein „Nachputzen" durch Erwachsene notwendig ist. 45% lassen schon ihr Vierjähriges mit der Zahnpflege allein, 8% sogar bereits ihr Zweijähriges.[4] Kinder unter zehn Jahren sind jedoch mit der korrekten Ausführung der Zahnputzbewegungen noch überfordert. Der Oberste Sanitätsrat weist darauf hin, dass Volksschulkinder nur etwa ein Drittel der vorhandenen Zahnbeläge selbst entfernen können.[5] Erst wenn ein Kind flüssig schreiben gelernt hat, ist seine Handmotorik ausgereift genug, um nach und nach selbstständig Zähne zu putzen. Erschreckend ist daher, dass mehr als ein Drittel (38%) der Eltern glaubt, dass Kinder sich selbst die Zähne putzen sollen und ein „Nachputzen" generell nicht nötig ist.
Beinahe jedes vierte Kind hat Angst vor dem Zahnarztbesuch
80% der in der Umfrage des Market-Institutes erfassten Kinder unter 14 Jahren waren schon einmal beim Zahnarzt. Beinahe jedes vierte dieser Kinder (23%) hat Angst vor einem Zahnarztbesuch.[7] Das beweist, wie wichtig es ist, Kinder von Anfang an spielerisch an die zahnärztliche Behandlung heran zu führen bzw. durch korrekte Mundhygiene dafür zu sorgen, dass unter Umständen schmerzhafte Zahnbehandlungen erst gar nicht notwendig werden. Der erste Besuch in der Ordination sollte unbedingt erfolgen, solange noch alles in Ordnung ist. So gewöhnt sich das Kind an die Atmosphäre und lernt, ohne Angst den Mund zu öffnen.
Der richtige Zeitpunkt für den ersten Zahnarztbesuch ist möglichst bald nach dem Durchbruch des ersten Milchzahns. 45% der Eltern glauben, dass es ausreicht, mit Kindern einmal jährlich zur Zahnärztin/zum Zahnarzt zu gehen[8] - das ist falsch! Wichtig sind regelmäßige, zwei- bis dreimal jährliche Kontrollen. Die Zahnärztin/der Zahnarzt sollte sich ausreichend Zeit nehmen, um sich mit dem Kind zu beschäftigen und außerdem professionelle Mundhygiene bzw. Zahnprophylaxe anbieten. Tiefe Rillen und Furchen, die mit der Zahnbürste nur schwer zu erreichen sind, können vorbeugend mit Kunststoff-Lack versiegelt werden, um die Entstehung von Karies zu verhindern. Eltern sollten sich bemühen, die eigene Angst vor dem Zahnarztbesuch keinesfalls auf ihr Kind zu übertragen.
Zahnpflege ab dem ersten Milchzahn ist ein Muss
Die zweimal tägliche Zahnreinigung muss bereits mit dem Durchbruch des allerersten Milchzahns, dass heißt bereits im Alter von sechs bis neun Monaten, beginnen. Doch 21% der Eltern warten mit der Zahnreinigung bis zum vollständigen Milchgebiss ihrer Kinder - in der Eltern-Generation 50+ sind es 33%! 3% der Eltern warten sogar, bis der erste der „zweiten" bleibenden Zähne durchgebrochen ist.
Kinder naschen täglich oder jeden zweiten Tag Süßigkeiten
Die meisten Kinder (83%) naschen laut Angabe ihrer Eltern täglich (45%) bzw. jeden zweiten Tag (38%) Süßigkeiten.[10] Kindern das Naschen völlig zu verbieten, ist nahe zu unmöglich und - wenn man sich an ein paar Regeln für's Naschen hält - auch gar nicht nötig.
Wichtig zu wissen, um die Kariesbakterien in Schach zu halten: Eine Tafel Schokolade auf einmal schadet den Zähnen weniger als viele kleine Stückchen über den ganzen Tag verteilt. Wenn ein Kind naschen möchte, sollte es das daher im Rahmen einer Mahlzeit als „Nachspeise" tun. Nach dem Naschen Zähneputzen nicht vergessen! Zuckerl oder Schlecker setzen die Zähne über einen langen Zeitraum permanent dem Zucker aus und sollten Kindern daher nur selten angeboten werden. Wenn ein Kind nach Süßigkeiten verlangt, kann man zuckerfreie Kinderzahnpflegekaugummis geben: Sie haben noch den zusätzlichen Effekt, dass sie die Speichelproduktion anregen und so helfen, die Zähne zu reinigen.
Wichtig: Mundhygiene von Anfang an in den Tagesablauf integrieren
Zähneputzen sollte möglichst früh ein fixer Bestandteil des Tagesablaufes sein. Kinder sollen von Anfang an auch alleine mit der Zahnbürste hantieren, um die Gewohnheit des Putzens zu entwickeln. Bis Kinder tatsächlich alleine sorgfältig putzen können, also mindestens bis zum zehnten Lebensjahr, ist das Nachputzen durch Erwachsene jedoch Pflicht. Die Vorbildwirkung der Eltern ist auch beim Zähneputzen sehr wichtig. Zwei Drittel der Kindergartenkinder geben an, dass ihre Eltern niemals Zähneputzen, da sie offensichtlich nie dabei sind.
Zahnpflege für zwischendurch
Ideal wäre es, die Zähne nach jeder Mahlzeit zu putzen. Das ist im Alltag mit Kindern allerdings meist nur schwer umsetzbar. Wenn Zähneputzen nicht möglich ist, empfiehlt sich Folgendes: Lassen Sie Ihr Kind mit Wasser nachtrinken, um grobe Speisereste wegzuspülen. Auch Kinderzahnpflegekaugummi kann die Mundhygiene unterwegs sinnvoll ergänzen und - indem er den Speichelfluss anregt - den für die Zähne optimalen pH-Wert im Mund nach einer Mahlzeit wieder herstellen.
Zahngesunde Ernährung mit kleinen Tricks schmackhaft machen
Um Kindern eine ausgewogene, abwechslungsreiche und damit (zahn)gesunde Ernährung schmackhaft zu machen, können Eltern es mit kleinen Tricks wie lustigen Gemüsegesichtern oder bunten Käse-Obst-Spießchen versuchen. Die meisten Kinder „kochen" gerne - Eltern sollten Kinder daher in die Essens-Vorbereitungen mit einbeziehen. Kauintensive Nahrung wie z.B. ein „Scherzerl" vom Schwarzbrot regt den Speichelfluss an und tut daher den Zähnen gut. Achtung auf versteckten Zucker in Tomatenketchup sowie in Limonaden oder Fruchtsäften! Wasser oder ungesüßter (Kinder)tee ist das bessere Getränk.
Leicht zu vermeiden: Fläschchenkaries bei Kleinkindern
„Fläschchenkaries" bei Kleinkindern entsteht, wenn Kinder mit dem letzten Schluck im Mund einschlafen. Deshalb soll nachts nur Wasser gegeben werden. Sobald die Flasche zur Ernährung nicht mehr nötig ist, soll sie ehest möglich abgewöhnt werden. Spätestens jedoch bis zum ersten Geburtstag!
Fluoride stärken den Zahnschmelz
Fluoride schützen die Zähne vor den Säuren der Bakterien in der Mundhöhle und unterstützen die Wiedereinlagerung von Mineralien in den geschädigten Zahnschmelz. Daher soll fluoridierte Zahnpasta verwendet werden. Ab dem zweiten Lebensjahr empfiehlt sich zusätzlich der Einsatz von fluoridiertem Speisesalz, das für die ganze Familie eine geeignete Kariesprophylaxe darstellt. Durch Zahnpasta und Salz wird genug Fluorid aufgenommen und die zusätzliche Einnahme von fluoridhaltigen Tabletten ist aus zahnärztlicher Sicht heute nicht mehr notwendig. Die meisten Kinder schlucken während des Putzens Zahnpasta - was jedoch in diesen Mengen völlig unbedenklich ist.
Darauf sollten Eltern beim Kauf von Kinderzahnbürste und Kinderzahnpasta achten
Für die Milchzähne soll eine fluoridhaltige spezielle Kinderzahnpasta (mit 500 ppm Fluoridgehalt) verwendet werden. Die meisten Kinder verschlucken beim Putzen etwas Zahnpasta - in dieser geringen Menge ist das jedoch vollkommen unbedenklich. Ab dem Volksschulalter ist Juniorzahnpasta für das „Wechselgebiss" mit erhöhtem Fluoridgehalt (1.000 - 1.500 ppm) empfehlenswert.
Die ideale Kinderzahnbürste hat abgerundete, weiche Borsten und einen kleinen Bürstenkopf, mit dem alle Ecken gut erreichbar sind. Wichtig für Kinderhände ist außerdem ein dicker, rutschfester Griff. Nach spätestens drei Monaten, häufig jedoch schon früher, muss die Bürste ausgewechselt werden. So genannten „Lernzahnbürsten" haben einen längeren Griff, damit Eltern gemeinsam mit ihrem Kind die richtigen Bewegungsabläufe üben können.
[1] Repräsentative Umfrage des Market-Institutes an 500 österreichischen Eltern von Kindern im Alter bis zu 14 Jahren. Erhebungszeitraum: Mai 2008.
[2] Repräsentative Umfrage des Market-Institutes.
[3] Zahnstatus 2006. Sechsjährige Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich.
Hrsg.: Gesundheit Österreich GmbH/Geschäftsbereich ÖBIG. Wien 2007, S. 60.
[4] Repräsentative Umfrage des Market-Institutes.
[5] Kariesprophylaxe mit Fluoriden. Empfehlungen des Obersten Sanitätsrates, Kommission „Zahnmedizin, Prophylaxe". (Download unter http://www.gesundheitsministerium.at/cms/site/thema.html?channel=CH0779
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