10 bis 15 Prozent aller Schulanfänger haben heutzutage behandlungsbedürftige Sprachauffälligkeiten. Mit dieser Spracharmut sinkt auch die Lesefähigkeit. Die Folgen sind schlechte Leistungen in der Schule, oftmals ein niedriges Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit und die Abspaltung von der Gesellschaft. Die Lösung: Frühförderung und das Zusammenwachsen von Bildungsinstitutionen mit Eltern. „Das heimische Bildungswesen ist eine gute Grundlage dafür, Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, ihre jeweiligen Neigungen und Talente optimal zu entfalten. Der Grundsatz ‚Fordern und Fördern' muss dabei bei den Kleinsten beginnen und bis zur Spitze der Bildungspyramide gelten", so Familienlandesrätin Mag. Johanna Mikl-Leitner.
Foto: Franz Gleiss
75.000 Wörter - woher nehmen?
Bedenkt man, dass der Wortschatz eines gebildeten Erwachsenen im Durchschnitt über 75.000 Wörter umfasst und Sprechen die Basis für soziale Handlungen darstellt, wird klar, welchen Herausforderungen Eltern sowie PädagogInnen im familiären und schulischen Bereich gegenüber stehen und welch große Einschränkung eine Sprachentwicklungsverzögerung für ein Kind bedeutet. Daher muss Sprachförderung ein Teil jeder Erziehungsarbeit sein, im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule - und am besten in Kooperation miteinander. Optimale Förderbedingungen bestehen, wenn zwischen den familiären und schulischen Lebensbereichen eine gute Beziehung und enge Zusammenarbeit bestehen. Eine gute Kommunikation ist die Basis für ein erfolgreiches Zusammenwirken aller SchulpartnerInnen!
Sozialisationseinrichtung Familie ist der wichtigste Lernort
Die Lese-, Sprach- und Schreibkompetenz wird schon lange vor Schuleintritt grundgelegt - zu 50 Prozent durch vorschulische Förderung bis zum 6. Lebensjahr! Ein Mangel heißt: geringer aktiver Wortschatz, geringes Wortverständnis, geringe Ausdrucksfähigkeit, in weiterer Folge Bildungsdefizit und damit verbunden soziale Schlechterstellung. Kinder mit guten Kenntnissen der so genannten Erstsprache haben einen besseren Start ins Schulleben und mehr Chancen auf ein gutes Bildungsniveau.
Der Lebensgemeinschaft Familie wird daher eine wichtige Aufgabe zuteil - nämlich die
Gesprächskultur fördern!
Ohne Sprache erlebt sich ein Kind als hilflos und reagiert mit Angst
In der Familie beginnt die Kommunikation in ihrer ursprünglichen Form, in Form von Zuneigung, Zärtlichkeit, Geschichten erzählen oder Märchen vorlesen. „Wir geben unseren Kindern unsere Sprache mit. Ein Baby lernt seine ‚Muttersprache' nur über Vorbild und Anregung. Ohne entsprechende Anregung würden Kleinkinder in einer Babysprache verharren", erklärt Psychologe Dr. Reinhard Neumayer, NÖ Jugendwohlfahrt.
Die Spracherwerbsforschung weiß, dass bereits in den ersten 12 bis 18 Lebensmonaten entscheidende Weichen für einen intakten Spracherwerb gestellt werden. Ab dem 3. Lebensjahr laufen die meisten Lernprozesse vorwiegend über Sprache.
Versäumnisse in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes können nur schwer nachgeholt werden. Ein guter Erziehungs- und Bildungsweg ist daher das Grundgerüst für den Bildungsstandard. „Die gemeinsame Sprache zwischen Eltern und Kindern ermöglicht erst den Zugang zum Sachwissen, ist aber auch wesentlich für soziale Kontakte und deren Gestaltung und unverzichtbar für die persönliche Reflexion. Die ‚Muttersprache' zu erlernen kann und darf man nicht aufschieben, bis ein Kind in die Schule kommt. Hier sind Eltern berufen und aufgerufen, dem Kind ein Rüstzeug auf den Weg ins Erwachsenenalter mitzugeben", so Dr. phil. Reinhard Neumayer.
Als wichtigster Lernort überhaupt animiert die Familie dazu, dass Kinder Sprache über Nachahmung und Konditionierung erwerben. Deshalb sind Eltern und Bezugspersonen des Kindes als sprachliche Vorbilder unentbehrlich - nicht zuletzt deshalb, weil PädagogInnen bei Vernachlässigung der familiären sprachlichen Frühförderung nur begrenzt „nachfördern" können.
Kommunikation belebt und bereichert nicht nur jede Beziehung, sie ist auch wichtig, weil nicht jeder alles selbst und unmittelbar erfahren und ausprobieren kann. Eine gemeinsame Sprache zwischen Kind und Eltern regt Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Neugierde an, fordert das Kind auf, sich selbst aktiv in eine Beziehung einzubringen, an der Gesellschaft teilzunehmen und seine Gefühle auszudrücken, macht Lust auf Be-Greifen und Erforschen. Bestimmte Denkkonzepte sind nicht möglich, wenn Sprache dafür keinen Ausdruck kennt. „Wenn Sprache nicht zur Verfügung steht, kommt es zu nicht-sprachlichen Ausdrucksformen und Ausdruckstätigkeiten, wie Schreien, Weinen und Trotzen. Erlebt sich ein Kind als hilflos, reagiert es mit Angst und Panik. Erlebt sich ein Kind als unwirksam, können die Folgen Resignation, Rückzug, Isolation, Aggression und Gewalt sein", so Dr. Neumayer.
Eine gezielte Stärkung der elterlichen Erziehungsfähigkeit ist daher unverzichtbar: Die Erziehungsqualität entscheidet über die Bildungsqualität und die Zukunft unserer Gesellschaft. Versagt die Institution Familie, müssen Kindergarten und Schule mit großem therapeutischem und menschlichem Aufwand Defizite ausgleichen und Aufklärungsarbeit bei den Eltern leisten.
Sprache als Grundlage für eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft
Die Interessenvertretung der NÖ Familien setzt sich gezielt für mehr Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Eltern und PädagogInnen ein und forciert die Frühförderung. „Sprache ist die Grundlage für eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft. Sprachentwicklung, Lernerfolg und Persönlichkeitsentwicklung bauen im Wesentlichen auf der Kompetenz im sprachlichen Ausdruck auf", so LAbg. Bgm. Erika Adensamer, Präsidentin der Interessenvertretung der NÖ Familien. „In der Sprachförderung kommt es auf den Anfang an. Auch die Schuldiskussion zielt auf den geglückten Übergang vom Elternhaus über den Kindergarten in die Grundschule", ergänzt Prof. Dr. Josef Grubner, Vizepräsident.
Eine Sprachförderungs-Offensive ist familienpolitisch ein wichtiges Signal und ein wirksames Mittel zur Verbesserung des Sprach- und damit des Bildungsniveaus in der Gesellschaft.
Folgende Forderungen der Interessenvertretung der NÖ Familien, welche aus der 5. Pädagogischen Fachtagung 2008 resultierenden, unterstützen das Land NÖ familienpolitisch:
Frühe Sprachförderung ab 2 ½ Jahren - verpflichtende, mindestens eintägige Fortbildung mit Thema Spachentwicklung und Sprachförderung für KindergartenpädagogInnen und HorterzieherInnen. Die seit geraumer Zeit bildungspolitisch hoch brisante Diskussion um die gezielte Sprachförderung unserer Kinder im Kindergarten verweist ausdrücklich auf die besondere Aufgabenstellung der Kindergartenpädagog/inn/en. Wenn richtiger Weise verlangt wird, die Kindergartenpädagog/inn/en sollen „die Kinder lehren, wie man spricht" (Tagungsinhalt!), wird man nicht umhin kommen, ihnen auch die entsprechend qualifizierte Ausbildung, möglicherweise auch in Zusammenarbeit mit neuen Pädagogischen Hochschulen, zukommen zu lassen.
- Mehr personelle und finanzielle Ressourcen in Bildungsstätten - „Fachpersonal"
- Aktive Einbindung der Eltern, Erziehungsberatung mit Schwerpunkt Sprachförderung und gezielte Schulung: Elternbildung. Eltern brauchen Informationen „Sprachförderung - warum und wie?"
- Deutschkurse für Eltern und Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in Kindergarten und Volksschule, „Meine Familie lernt Deutsch."
- Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für Eltern - an Kindergärten und Volksschulen, mehr Kommunikation zwischen Eltern und PädagogInnen.
- Sprachliche Frühförderung in Kindergarten und Schule
- Eine Bücherei für jeden Kindergarten/jede Schule
Kinder brauchen Vorbilder und qualitativ hochwertige Erziehungsarbeit - in der Familie, dem Kindergarten und in der Schule. Wer über Bildung redet, muss sich um Erziehung kümmern, denn Erziehungsqualität entscheidet über Bildungsqualität.
- Infobox
Die 5. Pädagogische Fachtagung, „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?" zum Thema Sprachförderung in Zusammenarbeit mit Eltern und PädagogInnen, hat am 11. April 2008 im NÖ Landtagssaal stattgefunden und wurde von der Interessenvertretung der NÖ Familien in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule NÖ in Baden durchgeführt. Mehr als 280 PädagogInnen, Eltern und an Erziehung Interessierte konnten sich durch exzellente Referenten am Vormittag und in neun vertiefenden Arbeitskreisen am Nachmittag von der enormen Bedeutung und Nachhaltigkeit des Themas frühsprachliche Förderung von Kindern überzeugen. Alle inhaltlichen Schwerpunkte und Themenbereiche der Fachtagung können unter http://www.interessen-noefamilien.at/ nachgelesen werden. Die 6. Pädagogische Fachtagung 2009 ist bereits in Planung.
- Weiters ruft die Familieninteressen-Vertretung alle Kindergärten, Volks- und Sonderschulen auf, ein Modell der Zusammenarbeit zwischen Eltern und PädagogInnen bis 15. Februar 2009 einzureichen. Allen Einreichenden winken Sachpreise. Die Modelle werden von der Interessenvertretung gesammelt und als vorbildliche Projekte an InteressentInnen weiter geleitet.
Wer sich zudem über Erziehungsthemen informieren will, kann Fachartikel anfordern, die die Interessenvertretung für Eltern als auch PädagogInnen zusammengestellt hat. Näheres ebenfalls unter: http://www.interessen-noefamilien.at/
Interessenvertretung der NÖ Familien, 3109 St. Pölten, Landhausplatz 1, Neue Herrengasse, Haus 1, Top 2
Tel. 02742/9005/16495, 16494, 16499, Fax: 16290, Mail:
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