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Vor fast neun Jahren stand ich ganz genau vor derselben Situation: Auch ich landete in „Holland" (d. h., ich wurde Mutter eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen). Aber ich wollte wie alle anderen nach „Italien" (d. h., ich wollte ein gesundes Kind und setzte das auch als selbstverständlich voraus).
Es dauerte lange, bis ich meine Situation akzeptieren konnte und mich in Holland halbwegs zurecht fand. In diesen neun Jahren habe ich erfahren, dass „besondere" Kinder meist auch „besondere" Eltern haben. Der Kontakt und der Austausch mit ihnen half mir in vielen Situationen und bei vielen Schwierigkeiten.
Deshalb möchte ich alle „besonderen" Eltern, die in „Holland" statt in „Italien" gelandet sind, einladen, sich bei Webfamilie gegenseitig zu unterstützen, zu helfen und auszutauschen.
Dazu, wie es ist, ein „behindertes" Kind bzw. ein Kind „mit besonderen Bedürfnissen" zu bekommen, möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die ursprünglich aus der Feder von Emily Pearl Kingsley stammt und die ich etwas umgeschrieben habe.
Willkommen in Holland
Ein Kind zu bekommen, ist wie die Planung einer wunderschönen Reise.
Sagen wir, du planst, nach Italien zu reisen. Dazu beginnst du, ein wenig die Sprache zu lernen, dich über die Sehenswürdigkeiten zu informieren, kaufst dir Reiseführer, sprichst mit Leuten, die schon in Italien waren, überlegst, welche Kunstwerke du dir anschauen und welche Städte zu besuchen willst. Du malst dir deine Reise in den schönsten Farben aus. Ev. wünscht du dir diese Reise schon sehr lange und als es endlich so weit ist, ist die Vorfreude riesengroß.
Als deine Reise nach einigen Monaten endlich beginnt, bist du bestens vorbereitet und freust dich sehr. Du steigst ins Flugzeug und nach einigen Stunden landest du in Holland. Ja, Holland! Zuerst bleibst du einmal sitzen, denn da wolltest du ja nicht hin. Das kann sich nur um einen Irrtum handeln und du bist überzeugt davon, dass die Reise bald weitergehen wird.
Doch schließlich kommt die Stewardess und sagt „Auch Sie müssen aussteigen! Wir sind in Holland und fliegen nicht nach Italien!" Du bist völlig überrascht und verwirrt. Du wolltest nicht nach Holland. Kein einziges Mal in deinem Leben hast du daran gedacht, nach Holland zu reisen. Du kennst die Sprache nicht, du hast für das Klima nichts eingepackt, du wirst vom Flughafen nicht abgeholt, du hast das einfach nicht geplant.
Völlig überrumpelt stehst du am Flughafen. Du schnappst dir den nächsten Angestellten deiner Fluglinie und fragst ihn, wann der nächste Flug nach Italien geht. Doch seine Auskunft ist ein Schock für dich: Es gibt keine Flüge nach Italien. Es gibt überhaupt keine Flüge. Auch nicht nach Hause. Es gibt auch keine andere Möglichkeit, Holland zu verlassen. Du denkst dir: „Das muss ein Irrtum sein - ein böser Traum!"
Monatelang versuchst du alles, um Holland zu verlassen. Du suchst Schuldige, klagst abwechselnd dich und andere an. Du glaubst zu wissen, dass es sich nur um einen Irrtum handeln kann und außerdem wolltest du nie nach Holland. Du wolltest doch nach Italien!
Monate- oder jahrelang versuchst du, nach Italien zu kommen. Manche Leute fangen an, sich über dich zu wundern und sagen dir, dass du dich damit abfinden musst, jetzt in Holland zu sein und dort zu bleiben. Außerdem: So schlecht ist es in Holland ja auch wieder nicht. Es gibt auch in Holland Sehenswürdigkeiten und Kunstwerke und nette Leute und die Sprache kann man auch lernen - genauso, wie Italienisch. Du willst das aber nicht.
Es dauert lange, bis du bereit bist, dich in Holland umzuschauen. Schließlich siehst du, dass es in Holland tatsächlich auch schön ist.
Du entdeckst die Windmühlen, die Tulpen und Rembrandt. Dann fängst du an, Niederländisch zu lernen. So schwer ist das gar nicht. Vor allem, da du nun neue Leute kennen lernst.Manche von ihnen werden zu deinen Freunden.
Schwierig ist aber, dass du immer wieder sehr viele Leute triffst, die von Italien, seinen Kunstschätzen und ihren Erlebnissen dort schwärmen und sich nicht vorstellen können, dass eine Reise dorthin nicht klappen könnte. Für sie ist es selbstverständlich, nach Italien zu reisen.
Das tut dir weh und macht dich traurig. Denn du hast mittlerweile verstanden, dass du niemals nach Italien reisen kannst. Du denkst dir: „Ja, da wollte ich auch hin. So hatte ich es geplant. Darauf habe ich mich so gefreut. Warum kann ich da nicht hin....!?"
Mit der Zeit erkennst du, dass dieser Schmerz nie ganz vergehen wird. Denn du musst einen Traum aufgeben, der dir so viel bedeutet hat. Das ist ein schmerzlicher Verlust.
Doch du lernst Holland kennen und lieben und triffst dort Menschen, die du sonst nie kennen gelernt hättest.
Du schließt Freundschaften, die du sonst nie geschlossen hättest. Du merkst, dass es nicht selbstverständlich ist, nach Italien zu reisen. Du erfährst und lernst Dinge, die du in Italien niemals erfahren oder gelernt hättest. Mit der Zeit erkennst du, dass es trotz aller Schwierigkeiten auch in Holland schön ist.
MMag.Natascha Schuster
Homepage PEKiP-Schuster
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