LEBENDIG STATT BRAV
(so ist der Titel eines Buchs von Gusti Reichl)
- damit lässt sich das Grundprinzip des ANDEREN UMGANGS recht anschaulich beschreiben.
Es geht um das lebendig-wache Kind (und nicht um ein brav angepasstes), das in der Kindergruppe die Chance haben soll, all seine potentiellen Fähigkeiten lebendig werden zu lassen und zu entfalten, unabhängig davon, ob es Mädchen oder Bub ist.
Spielräume
Das wird möglich durch aktives Tun, Spielen, Ausprobieren von Seiten der Kinder und nicht durch passive Anpassung an irgendwelche Erwachsenennormen und Erwachsenen-Wünsche. Das heißt für den Kindergruppen Alltag, Kindern möglichst viel SPIEL-RAUM zur Verfügung zu stellen, und zwar äußeren - wirklichen - Raum für eigene Gestaltung und Vorlieben - wie auch inneren SPIELRAUM in Form von Zulassen-Können von unterschiedlichen Arten zu leben, zu lernen, zu sein.
Achtung und Aufmerksamkeit
Das verlangt von den betreuenden Erwachsenen in erster Linie ein AUFMERKSAMES WAHRNEHMEN der Wünsche und spielerischen (Lern-)Bedürfnisse der Kinder. Solche sind zuhauf vorhanden, es gilt, sie möglichst vorurteilsfrei zu beobachten und damit zu beACHTEN, die wilden wie die zarten, die lauten wie die leisen, und die Kinder GLEICHBERECHTIGT zu behandeln.
Rahmenbedingungen
Um auf subjektive Entfaltungs-Wünsche eingehen zu können, braucht es bestimmte Bedingungen: z.B. kleinere Gruppen, in denen individuelles Eingehen auf subjektive Wünsche eher möglich ist als in großen Gruppen zu 25 Kindern.
Eine weitere Bedingung stellen räumliche Verhältnisse dar, in denen vielfältiges Geschehen stattfinden kann und die Aktivitäten nicht vom Raum her einseitig „verordnet“ werden.
Ein offener Lern- und SpielFREIraum (und nicht ein verordnetes Lern-Konzept wie im Kindergarten) sowie das unbedingte Vertrauen darauf, dass Kinder von sich aus neugierig sind und Lust haben auf ein aktives, erforschendes Lernen und Leben sind weitere Bedingungen für einen ANDEREN UMGANG.
Das bedeutet auch, dass der Alltag in der Kindergruppe als sich entwickelnder Prozess und nicht nur unter der Perspektive des Gierens nach „Produkten“ gesehen wird.
Die KiGru-BetreuerInnen
Zu den Bedingungen rechne ich auch gewisse Bereitschaften seitens der BetreuerInnen: ein Vertrauen auf organische Prozesse bei Kindern wie bei Erwachsenen, dass Bedürfnisse z.B. nach laut und leise, nach allein und gemeinsam, nach Aktivem und Passivem, nach Anstrengung und Nichs-Tun, sich abwechseln; weiters das Bemühen, keine widersprüchlichen Doppelbotschaften zu geben sowie keine falschen Drohungen oder Versprechungen - kurzum: dass KinderbetreuerInnen möglichst authentisch (vor-) leben. Denn Kinder schauen mehr ab als dass sie zuhören, sodass unsere Art des Lebens für sie zum VorBILD wird.
Utopie? Nein jahrzehntelange Erfahrung!
Für viele hören sich solche Prinzipien zunächst relativ utopisch an: Kinder und Erwachsene gleichberechtigt zu sehen und wirklich so zu handeln, ein Gruppengeschehen ohne Leitung, die Wünsche der Kinder im Vordergrund, usw.
Dass solche Prinzipien lebbar sind, dass das Leben so gehen kann und abenteuerlich, bunt und reich sein kann, für Kinder wie für Erwachsene, kann an Beispielen veranschaulicht werden.
Ein Blick auf die Geschichte der Kindergruppenbewegung und auf alternativ-pädagogische Bewegungen (z.B. Reggio-, Wild-, Freinet-, Montessori-, Waldorf-Pädagiogik) zeigen - wenn auch auf unterschiedlichste Art und Weise - , dass Ziele wie Eingehen auf individuelle Wünsche, Selbsttätigkeit, Selbstbestimmung des Lernens und der Bedürfnisse nicht unerfüllbare Ziele am Papier, sondern ganz konkret gelebte Praxis sein können.
Quelle:
"Der Andere Umgang" von Dr. Christine Mechler-Schönach in frische böe Nr.38, 2001
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