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Allgemeines über die frühkindliche Entwicklung
Wie wir wissen, kann ein Kind von Geburt an sehen, es erkennt Formen, Farben etc. Noch ist allerdings der Sehsinn kombiniert mit anderen Sinnen und spezialisiert sich erst allmählich. In den ersten Wochen und Monaten kann das kleine Gehirn optische Reize noch nicht richtig verarbeiten. Die Blicke werden langsam gezielter, und selbst ein Erwachsener sieht nur jene Dinge scharf und deutlich, auf die er sich konzentriert.
Besonders intensiv sind beim Baby Seh- und Tastsinn gekoppelt. Es sieht und erkennt nur das richtig, was es betastet, d.h. „ begriffen“ hat.
Über die frühe Entwicklung der Kinderzeichnung erfährt man relativ wenig, weil sie sich quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Familienverband abspielt. Aber gerade diese Phase ist entscheidend für die weitere Entwicklung des Kindes.
Die Kinderzeichnung
Die Vorstufe der Kinderzeichnung beginnt, sobald das Kind zum erstenmal einen Stift in die Hand nimmt und ihn ansetzt. Diese Darstellungen sind nichts Gegenständliches, sondern Ausdruck der inneren Motorik. Das etwas einjährige Kind zeichnet vorsichtig Schlängellinien.
Im Laufe des zweiten Jahres beginnt die Materialerfahrung. Jetzt kann man von Kritzeln sprechen. Es entsteht aus einem Spieltrieb heraus, aus einem Überschuß an motorischen Kräften. Die Dauer der Kritzelstufe hängt vom Einfluß der Umwelt und von den verschiedenen Materialien ab.
Das Kritzeln ist für das Kind ein rhythmisches Erlebnis. Urphänomene des Kritzelns sind kreisende Bewegungen, Spiralen, Knäuel. Diese Bewegungen sind bedingt durch das rotierende Raumgefühl im Mutterleib. Durch das Kritzeln versucht es, aus dieser „ Kugel“ herauszukommen. Im Laufe der Zeit kristallisieren sich drei Figuren heraus, die verschiedene Aussagekraft haben:
1. Die Spirale
In ihr sieht man das Schwebende, Rotierende
2. Das Urkreuz
Es drückt das Stehvermögen des Kindes aus, ein Auskosten der Horizontalen und der Vertikalen.
3. Der Zickzack
Das Kind „ geht“ sozusagen über das Papier und überwindet damit die Schwerkraft.
Zu diesen Elementen kommt noch die Kastenform, die sich allmählich aus der Spirale entwickelt. Sie ist für das Kind eine Festigung des Raumgefühls im Kampf gegen die Schwerkraft.
Die Zickzacklinie ist bereits ein Ornament, nämlich eine Reihung gleicher Elemente.
Erste Störung der Zeichenwelt Die erste Störung der Zeichenwelt des Kindes ist die Frage des Erwachsenen: „Was ist das?“ Das Kind antwortet darauf mit dem, was ihm gerade einfällt. Dadurch wird eine Verbindung von der Zeichenwelt zur Sprachwelt hergestellt. Die Bildentwicklung wird beschleunigt und verkürzt, es kann zu keiner organischen Reifung kommen.
Wie verhalten sich Erwachsene beim Anblick einer Kinderzeichnung? Man kann sie in vier Gruppen einteilen:
1. Diejenigen, die immer belehren wollen und im Kind einen kleinen Erwachsenen sehen.
2. Diejenigen, die im Kind ein kleines Genie sehen und beim Anblick jeder Zeichnung in Begeisterungsstürme ausbrechen.
3. Diejenigen, die Kinder sich selbst überlassen.
4. Diejenigen, die der Kinderzeichnung sachlich gegenüberstehen.
Der richtige Weg des Erwachsenen zur Kinderzeichnung ist nicht:
„ Was gefällt uns?“,
sondern „ Welche Phänomene sind beim normalen Kind zu beobachten? Was nützt, was schadet seiner Entwicklung?“
Wolfgang Grözinger, ein Entwicklungspsychologe, schreibt dazu:
„Das Ziel der scheinbar künstlerischen Entwicklung des Kindes ist nicht die Kunst, sondern die Wirklichkeit. Auf jeder Stufe seines Zeichnens und Malens, die Kritzelstufe ausgenommen, ist das Kind Realist und meint, die Welt zu treffen, eine Welt freilich, in der ihm zunächst auch die Gestalten seiner Phantasie Wirklichkeit bedeuten. Das Kind weiß nichts davon, dass es anfangs mehr von sich selbst aussagt als von den Dingen. Je mehr jedoch das Gefälle zwischen Innenbild und Aussenwelt, das für die frühen Entwicklungsstufen charakteristisch ist, abnimmt, ... desto mehr verlieren sich die typischen Merkmale der Kinderzeichnung, verliert sich aber auch meist die Lust am Malen und Zeichnen.“
Was interessant ist:
Kind und Künstler haben dennoch etwas gemeinsam, obwohl sie unterschiedliche Wege gehen:
„Das Kind strebt vom Wirren und Chaotischen seiner Anfänge zum Geordneten und von da zum Gegenstand - die moderne Kunst des Erwachsenen bewegte sich dagegen wider den Strom der persönlichen Entwicklung, um zum Ursprung selbst zurückzufinden.“ ( Grözinger ) siehe Cézanne, Braque, Picasso
Wie kommt es zu einem Fehleffekt, wenn Erwachsene von den Kindern Aussagen zu ihren Zeichnungen verlangen?
Auge und Tastsinn arbeiten zusammen, um in dieser Phase die Umwelt zu erkunden. Erst wenn die Hände etwas gefühlt haben, weiß das Auge Bescheid. Wenn das Kind reif genug ist, können die Hände ruhen, dann kommt als wichtigstes Sinnesorgan das Ohr hinzu. Das Kind lernt, Dinge zu benennen.
Wenn diese sog. „haptische“ Phase übersprungen wird oder zu kurz kommt, kann sich die Kinderzeichnung nicht mehr normal weiterentwickeln.
Kopffüßler
Der sog. „ Kopffüßler“ leitet ein neues Kapitel in der Entwicklung der Kinderzeichnung ein. Kopffüßler entstehen, indem das Kind irgend etwas zeichnet und daraus plötzlich ein Kreis mit ein paar Strichen entsteht. Es spricht dann von Händen und Beinen, weil die nach seiner Ansicht am wichtigsten sind. Der Kreis ist eigentlich das ganze Kind.
In diesem Alter werden auch schon Gruppen von Menschen, vor allem die Familie gezeichnet. Die Menschen stehen nun fest am Boden, sie schweben nicht, wie noch ein Jahr vorher, im Raum. Es kommt aber durchaus vor, dass ein Kind am Beginn des 5. Lj. in das rotierende Raumgefühl zurückfällt und in alle Himmelsrichtungen schwebende Gestalten zeichnet. Dieses Gefühl kann z.B. durch Musik hervorgerufen werden.
Wie die Entwicklung der Zeichungen von Kindern zwischen 5 und 8 Jahren weitergeht, erfahren Sie im Folgeartikel (in der kommenden Woche) "Die Zeichnung der 5 - 8 Jährigen."
© Stephanie Hauser
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